Blöd gelaufen!

Fiorenzuola d'Arda - Fidenza (35 km)

   Die “Piccola Casa della Carita“, die kleine Herberge der Pfarrgemeinde San Fiorenzo, musste gestern Abend fast noch wegen Überfüllung schließen. Außer meinem französischen Zimmergenossen trafen noch ein Italiener und ein junges spanisch-holländisches Pärchen zu vorgerückter Stunde ein. Alle drei sind auf dem Weg von Rom nach Santiago de Compostela, hatten einen langen, anstrengenden Tag hinter sich und sind auch schnell von der Bildfläche verschwunden. Robert, mein Franzose, der sich bereits nachmittags hingelegt hatte, stand gar nicht erst wieder auf. Kurz nach 20 Uhr schlief er (mal wieder) tief und fest.

   Als ich heute früh die Herbergstür von außen abschließe und den Schlüssel wie verabredet in den Briefkasten werfe, schaut das Pärchen oben aus dem Fenster und ruft mir einen “Bon camino“ herunter. Gerne hätte ich mich vorher mit den beiden noch etwas unterhalten, über ihre geplante Route, wie lange sie unterwegs sein wollen etc., doch dafür ist es jetzt zu spät. Nur den Tipp mit der wunderschönen Unterkunft Lau Buru in den galicischen Bergen, die Annika und mich auf unserem Jakobsweg so fasziniert hat, gebe ich ihnen noch mit auf den Weg. Ich wünsche den beiden von Herzen ein solch faszinierendes Erlebnis mit ähnlich vielen berührenden Erfahrungen wie Anni und ich es vor einem Jahr machen durften.

   Heute liegt die vorläufig letzte Etappe ohne nennenswerte Höhenunterschiede vor mir. Zum Wetter weiß ich beinahe nicht mehr, was ich sagen soll. Das kann man ja schon fast nicht mehr unter “guter Großwetterlage“ zusammenfassen. Wenn ich mich recht erinnere hat es, solange ich mich in Italien aufhalte, nachts zweimal geregnet. Mein Schirm zweifelt mittlerweile an seiner Daseinsberechtigung und überall auf den Feldern und Wegen ist es staubtrocken. Wenn ich ab mittags der Sonne ausgesetzt bin, komme ich zwar ins Schwitzen, aber im Schatten ist es sehr gut auszuhalten. Mal sehen, ob sich nach der Poebene, die ich jetzt verlassen werde, irgendetwas daran ändert. Meinetwegen wäre das nicht nötig.

   Heute aber tippel ich wieder meine gewohnten kleinen Straßen entlang, schaue mich zum Abschied von dieser Landschaft nochmal intensiver und bewusster um, sehe die Getreidefelder, den Mohn, den Mais (aber keinen Reis mehr), die kleinen und großen Cascinas, die irgendwann mal auftauchenden Kirchtürme kleiner Ortschaften, höre immer noch das laute Quaken der Frösche in den Wassergräben und sage mir, dass ich eigentlich gerne in den letzten Tagen hier hergezogen bin.

   Nach sechs Kilometern erreiche ich das Kloster Abbazia di Chiaravalle delle Colomba, ein mächtiges Klostergebäude in einem kleinen Dorf. Dieses Zisterzienserkloster war eines der ersten in Italien und wurde bereits im Jahre 1135/36 vom heiligen Bernard von Clairvaux gegründet. “Colomba“ heißt übersetzt “Taube“. Die Überlieferung erzählt, dass dieses Tier maßgeblich an der Gründung der Anlage beteiligt war: Eine weiße Taube war vor den Augen der Mönche umhergeflogen und hatte mit Pailletten den Grundriss des zukünftigen Klosters markiert. Mir wäre es heute ganz recht gewesen, wenn eine Taube den Weg der Via Francigena hier besser markiert hätte, aber dazu gleich mehr.

   Ich möchte natürlich in die beeindruckende Klosterkirche hinein, finde aber das Portal abgeschlossen vor. Zufällig fährt in diesem Moment ein Auto mit einem älteren Herrn im Zisterziensergewand vor der Kirche vor und deutet mit dem Finger etwas nach rechts. Ich bemerke eine kleine Tür und trete ein. Vor mir tut sich ein hübscher gotischer Kreuzgang auf, an dessen Ecken die Doppelsäulen jeweils durch einen doppelten Knoten gebunden werden. Ich habe das so noch nie gesehen. Vom Kreuzgang führt eine Tür in die Kirche. Sie wirkt durch den Verzicht auf Dekoration sehr asketisch, typisch den Regeln der Zisterzienser gehorchend. Ich nutze die Stille und Kühle der Kirche für eine kleine Pause. Bisher habe ich mich bei ähnlichen Gelegenheiten immer in die letzte Bank gesetzt. Heute lasse ich mich ein paar Bänke weiter vorne nieder. Bin ich damit näher an Gott herangerückt?

   Nach einigen Minuten mache ich mich wieder auf den Weg - aber auf den falschen. Jetzt beginnt der Teil des Tages, der aus einem durchschnittlichen Tagespensum einen langen Marsch macht. Mein Wanderführer sagt mir beim Einmarsch in den Ort sinngemäß: “ steuern wir geradewegs auf Chiaravalle della Colomba... zu. Orientieren wir uns gleich für den Weiterweg: nach links auf der Straße in Richtung Busseto.“ Im Moment, als ich das lese, sehe ich die Abtei ungefähr hundert Meter vor mir und direkt links neben mir zweigt eine Straße nach Busseto ab. Nach meinem Klosterbesuch gehe ich also bis dorthin zurück und wähne mich auf dem richtigen Weg. Der Wanderführer sagt auch, dass ich jetzt über die Autobahn muss, und richtig, da vorne kommt die hohe, geschwungene Brücke, die mich drüberführt. Alles stimmt! Doch dann stimmt irgendwie nichts mehr so richtig. Zwar sehe ich weiße Pfeile auf dem Asphalt am Straßenrand aufgemalt, aber keine Via Francigena-Markierung mehr. Ok, das ist schon öfter mal vorgekommen, gleich sehe ich bestimmt wieder eine. Pustekuchen! Ich gehe und gehe und gaaaanz langsam nagt der Zweifel in meinem Gehirn. Eine halbe Stunde bin ich jetzt schon hinter Chiaravalle - das darf jetzt bitte nicht sein! Ich studiere nochmal eingehender die grobe Karte in meinem Wanderführer und erkenne die Stelle, wo ich jetzt wahrscheinlich bin. Und da wollte ich überhaupt nicht hin!!!

   Wieder mal bin ich kurz vor einer Explosion, packe mich dann aber beim Schopf, schüttel mich kräftig und denke an die weisen Worte meines Sohnes Sebastian. “Rege dich nicht immer so über Sachen auf, die du nicht ändern kannst!“ Recht hat er ja, der gute Junge, also... tief durchatmen, überlegen, was im schlimmsten Fall passieren kann (und das ist eigentlich nur, etwas länger unterwegs sein und etwas später ankommen), umdrehen und zurück, marsch, marsch! Eine halbe Stunde später bin ich da, wo ich vor einer Stunde schon mal war: an der Klosterkirche von Chiaravalle della Colomba. Hier sehe ich dann auch, unmittelbar links von der Kirche an einer Mauer ein kleines, unscheinbares Straßenschild mit der Aufschrift “Busseto“. Ich zeige ihm den bösen Finger und damit ist für mich die Sache erledigt. Als kleine Buße lege ich mir aber den Wegfall einer für San Rocco angedachten längeren Rast auf. Erst in Castione Marchesi wird gerastet, basta! Da gibt es sogar eine Bar.

   Die Zeit bis dahin wird aber ganz schön lang. Und das liegt hauptsächlich an den mir so verhassten groben Schotterwegen. Ich komme darauf einfach nicht so richtig vorwärts. Außerdem ist bei solchen Streckenabschnitten immer so gut wie kein Schatten da, die Sonne scheint kräftiger, die Hitze ist größer. Ich bin wirklich froh, als dann endlich, nach viereinhalb Stunden Gehzeit, die Bar in diesem verschlafenen Nest von Castione Marchesi vor mir auftaucht.

   Als ich aus der grellen Sonne von draußen in das Dunkel des Barraumes trete, treffe ich auf eine lustlose Wirtsfamilie: drei Zentner Mutter, eine Tochter in wenig Hemdchen über viel gebronzter Haut, barfuß und mit Piercings durch die Nasenscheidewand, ein verdruckster Sohn, zentralpubertär und maulig und ein übellauniger Vater, mit einem Bauch wie eine Kesselpauke, dem heute alles zu viel ist. Sie sind grad beim Essen. Daran, mich zu bedienen, denkt keiner, daher gehe ich zum großen Kühlschrank in der Ecke, aus der sich Kunden immer selbst mit Kaltgetränken versorgen, hole mir einen Eistee raus, lege 2 Euro auf den Esstisch, vernehme ein Grunzen vom Wirt und setze mich nach draußen unter die große Markise. Fünf Minuten später kommen die beiden Alten zum gemeinsamen Rauchen an meinen Nebentisch, verpesten mir die Luft, während von drinnen nun eine Musik hinausbrüllt, die nur Teenager als sozialverträglich ansehen. Ich trinke zügig meinen Eistee und bin weg. Die Landstraße hat mich wieder.

   Etwa 500 m bin ich noch von einem Bahnübergang weg, da schließt sich die Schranke. Ein Güterzug steht links in Wartestellung, also muss von rechts noch was kommen. Richtig! Ich bin noch zweihundert Meter weg, da kommt ein kleiner Personenzug. Prima, denke ich, jetzt fährt auch gleich der Güterzug, und du kommst genau rechtzeitig an der Schranke an, wenn diese wieder aufgeht. Der Güterzug lässt sich etwas Zeit, aber 50 m vor mir ist er dann auch an der Schranke vorbei. Ich komme an der Schranke an - die Schranke bleibt zu. Neben mir und auf der gegenüberliegenden Seite sammeln sich Autos. Fünf Minuten vergehen, zehn Minuten vergehen. Autofahrer steigen aus ihren Autos, als wenn daraufhin die Schranke schneller aufginge. 15 Minuten vergehen... und plötzlich geht die Schranke auf. War ich jetzt kurzfristig im Stehen eingeschlafen und habe einen Zug verpasst? Autofahrer, die wohl gesehen haben, wie ich vollkommen verblüfft der hochgehenden Schranke nachgeschaut habe, grinsen mich im Vorbeifahren an und zucken mit den Schultern, als wollten sie mir sagen: “Sowas kann in Italien schon mal vorkommen.“

   Obwohl die Rast bei der Bar kurz war, hat sie mir gutgetan. Ein schöner glatter Asphalt tut seinen Rest und eine Stunde später bin ich in Fidenza, meinem Ziel für heute. Bei meinem Gang durchs Zentrum steuere ich auf die Touristeninformation zu. Mein Wanderführer sagt, dass ich hier einen neuen Pilgerpass bekomme. Woher wussten die, dass mein alter Pass genau noch einen Platz frei hat, ich also dringend einen neuen brauche? Zufälle gibt's! Die nette junge Dame, die hervorragend Deutsch spricht, stellt mir bereitwillig einen neuen aus. Ein halbes Jahr hat sie in Augsburg gelebt, danach drei Monate in Berlin. Anschließend hat sie noch drei Wochen ihre Freundin in Aachen besucht und hat mit dieser auch Ausflüge in die Umgebung unternommen, unter anderem nach Köln. Hier war sie auf dem Dom und ausgiebig im Sion-Brauhaus. Aber in dieser Reihenfolge, darauf legt sie Wert.

   Und dann kommt es natürlich, wie es kommen muss. Von der jungen Dame erfahre ich, dass meine Unterkunft, die Herberge des Zisterzienserklosters Convento San Francesco, wiedermal eineinhalb Kilometer außerhalb liegt. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute: Es ist die Richtung, in die ich morgen früh weiter muss. Als ich dort ankomme und auf meinem Tablet nach der heute zurückgelegten Kilometerzahl schaue, bin ich dann doch erstaunt: 35 Kilometer! Wow! Dafür bin ich eigentlich noch ganz gut drauf...

 

Zur Karte: https://drive.google.com/file/d/0B-YJDxFXEbWmZXV2LVp2LTllZ3M/

 

 

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Sebastian (Donnerstag, 29 Mai 2014 00:13)

    Na, da hast du dich ja sauber verlaufen, wie auf der Karte zu sehen ist. Aber Kopf hoch, auf Florians und meiner Radtour vor 18 Jahren hatten wir ja erst nach 2 Stunden gemerkt, dass wir im Kreis gefahren sind. Da lohnt sich das Aufregen wirklich nicht...

  • #2

    Renate (Donnerstag, 29 Mai 2014 17:20)

    Bei DER Familienbeschreibung hab ich grad Bilder im Kopf - die krieg ich nicht mehr raus...
    Hast leider eine ordentliche Doppelstrecke gemacht - aber - et hätt noch immer jot jejangen. Hast ja den richtigen Weg wiedergefunden!
    Liebe Grüße
    Renate (heute nach 1 Etappe Siegsteig :) )

  • #3

    Die Pilgertochter (Freitag, 30 Mai 2014 06:55)

    Stimmt, Renate, man sieht die Familie quasi vor sich.

  • #4

    Der Kronprinz (Montag, 02 Juni 2014 17:31)

    Poh!!! 35km?!?! Die schaff ich ja kaum mit dem Fahrrad und rege mich dabei doppelt soviel auf...


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